DEATH AT THE SIDESHOW | Christopher Sage | 06.12. – 16.12.2012 | REH KUNST

Wir freuen uns, als letzte Ausstellung in diesem Jahr, die Einzelausstellung von Christopher Sage zu präsentieren. Während dieser Zeit wird die REH Kunst zu einer Kuriositätenschau.

Wir schreiben das 100-jährige Jubiläum von Harry Houdinis (1972 – 1926) Wasserbecken-Trick, dessen erste öffentliche Schau in Berlin zu sehen war. Houdini ließ sich kopfüber, mit Vorhängeschlössern gefesselt, in ein gläsernes Wasserbecken hinab, in dem er vor den Augen des erstaunten Publikums nahezu eine Stunde an seiner Entfesselung arbeitete. Zum Gedenken für dieses Ereignis steht Sages Gemälde 100 years upside down, das auf den Kopf aufgehängt werden kann, ohne seine Komposition zu verlieren. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren die beiden Arbeiten Conjoined & Untitled, die während der Ausstellung jeden Tag um 180° gedreht werden. Dieser Akt der Umkehrung führt dazu, dass der Betrachter die Fähigkeit verliert, die Gesamtheit des Werkes auf einen Blick wahrzunehmen. Durch jede Umkehrung verändern sich die Schwerpunkte im Bild.

Gegenüberstellungen und visuelle Einheiten sind konstante Kernpunkte in den Arbeiten von Christoper Sage. Die Zwei-Punkt-Perspektive verwendet er und spiegelt sie, um eine bunte, analoge virtuellen Umgebungen zu schaffen. Die dargestellten Räume sind im ständigen Wettbewerb mit den gemusterten Hintergründen und drohen die Gemälde zu bloßen Wanddekoration zu reduzieren.

Sage setzt sich überwiegend mit der Theorie der Komposition von Mathematik und Harmonie auseinander, mittels des „goldenen Schnitt“, einer Proportion, die bei dem Betrachter für Schönheit, Harmonie und Ästhetik sorgt. Geometrie und Mathematik sind Bestandteile für Sages Schaffen.  Auffallend hierbei sind seine Affinität zu Primzahlen, die sich durch die gesamte Ausstellung ziehen: Sämtliche Längen- und Breitenmaße der ausgestellten Werke sind Primzahlen, 3 stehende weiße Dreiecke und 3 Klangskulpturen, dessen typische Jahrmarksmusik aus 3 Kompositionen zusammengestellt ist.

Während der Ausstellung Death at the sideshow, verwandelt sich die REH Kunst zu einer Art Schaubude, mit Girlanden, bunten Lichtern, Musik, bemalten  Podesten und einem bekannten Akteur, der seinen Ruhm den Sideshows verdankt. Sie waren das spektakuläre Beiprogramm von Zirkus- oder Jahrmarktsveranstaltungen in den USA. Zu den letzten bekannten Sideshows gehören die Sideshows by the Seashore auf Coney Island. Einer ihrer Haupthaktraktionen war Stephan Bibrowsky (1891–1932), besser bekannt als Lionel der Löwenmensch. Als Vierjähriger wurde der Junge, der unter Hypertrichose litt, von einem deutschen Unternehmer entdeckt und zur Attraktion diverser Kuriositätenschauen in Europa und den USA gemacht. Lionel, der hochintelligent war und mehrere Sprachen beherrschte, galt als Gentleman und widersprach seinem tierischen Aussehen. Berlin, um die sich diese Ausstellung dreht, war Bibrowskys letzter bekannter Wohnsitz, bevor er 1932 verstarb. Zu seinem Gedenken widmet Sage ihm gleich zwei Portraits, als Junge und als erwachsener Mann.

Um den Besucher in die Sideshow miteinzubeziehen, ihn sogar teilhaben zu lassen,  positioniert Sage sämtliche Portraits, im Maßstab 1:1, auf Augenhöhe. So stehen wir Lionel dem Löwenmenschen und dem kopflosen Zauberer, Emile the great, direkt gegenüber. Das Portrait beruht auf eine bekannte Fotografie von Paul Cezanne, die Émile Bernard von ihm machte (allein schon die Fotographie erscheint uns geheimnisvoll). Über das Kopflos-Sein, hatte sich der englische Mystiker, Philosoph und Autor Douglas Harding (1909 – 2007) in seinem Aufsatz On Having No Head auseinandergesetzt. Der Aufsatz steht aber nicht in Verbindung mit der Fotografie von Paul Cezanne, sondern ist lediglich eine Verknüpfung, die Sage hergestellt hat.

Wie ein Wanderzirkus, so ist auch die Ausstellung Death at the sideshow eine wandernde Ausstellung, die sich immer wieder verändert und sich dem Ausstellungsraum anpasst, bzw ihn Teil der Installation werden lässt. Die REH Kunst wurde dieses Jahr zum Wohnwagen unfunktioniert. 

Besonderer Dank gilt an Christian Glaeser, der alle Fotos zu dieser Ausstellung gemacht hat.






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