EXHIBITION | NEW ADVENTURES IN VEXILLOLOGY #7

NEW ADVENTURES IN VEXILLOLOGY #7
FUTURE PERFECT 

SUMMER SEASON 2021

ATRISTS
Swaantje Güntzel, Lauren Keeley, Sarah Kürten, Michael Müller, Elia Nurvista, Manuel Stehli

CURATOR
Valeska Hageney

VENUE
Kunstverein Amrum, Badestrand Nebel

SUPPORT
The exhibition was made possible by financial support from the Ministry of Education, Science and Culture of the State of Schleswig-Holstein

 

In dieser Sommersaison beschäftigen wir uns mit vermeintlich düsteren Zukunftsszenarien, auch bekannt als Dystopien. Nach umwälzenden Ereignissen, wie Kriegen, Epidemien oder Naturkatastrophen muss sich die Menschheit mit dem „Danach“ auseinandersetzen. Literarische Werke wie Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“ (1932) oder George Orwells „1984“ (1948) sind bekannte Beispiele dafür. 

Dystopische Vorstellungen tauchen vermehrt in Zeiten des Umbruchs auf. Insbesondere in den beiden letzten Jahrzehnten ließ sich beobachten, wie Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel bei vielen Menschen Gefühle der Verunsicherung hervorgebracht haben. Durch die weltweiten Ereignisse der vergangenen zwei Jahre verstärkten sich diese Gefühle und die Fragestellung „Wie wird unser Planet und unsere Gesellschaft in xx Jahren aussehen?“ beschäftigt uns mehr denn je. 

2019 war das Jahr der Fridays-for-Future-Aktivisten. Erst durch den globalen Klimastreik, der sich über Social Media weltweit verbreitete, ist unsere Gesellschaft wachgerüttelt worden. Noch nie zuvor wurde in diesem Ausmaß öffentlich darüber debattiert, wie unser Planet aussehen wird, wenn wir jetzt nicht handeln und die Notbremse ziehen. Auch vor dem Inselparadies Amrum wird der Klimawandel nicht halt machen. Die fortschreitende Erderwärmung stellt den Erhalt des Naturerbes Wattenmeer an der deutschen Nordseeküste in Frage. Der Weltklimarat IPCC befürchtet bis zum Jahr 2100 einen weltweiten Anstieg des Meeresspiegels um einen halben Meter, falls es uns nicht gelingt, die Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen. Derzeit ist die Welt allerdings auf dem Weg zu einer Erwärmung um 3 bis 4 Grad, was einen Meeresspiegelanstieg von knapp einem Meter bedeuten würde.  So oder so –  bis zum Jahr 2100 wird der derzeitige Standort des Kunstverein Amrum nicht mehr existieren. Auch ein Anstieg von 50 cm würde den Strand des Kunstvereines größtenteils im Meer versinken lassen.

Weltweit prägend für die Jahre 2020/2021 ist die COVID-19 Pandemie. Die gesamte Welt steht weitestgehend still und Ihr wirtschaftliches, gesellschaftliches und politisches Ausmaß ist noch nicht vorherzusehen. Die Insel Amrum, die vorwiegend vom Tourismus lebt, hat letztes Jahr erhebliche touristische Einbußen erlitten, was so manchen Insulaner vor wirtschaftliche Probleme stellt. Zugleich hat der Wegfall der Menschenmassen jedoch auch zu einer Erholung von Flora und Fauna geführt und die Insulaner erleben eine Insel, die sie in solch einer Schönheit in den letzen 35 Jahren nicht mehr gesehen hatten. Dies zeigt – Zukunftsvisionen müssen nicht immer negativ konnotiert sein. 

Diese beiden Aspekte wurden dieses Jahr zum Anlass genommen um die Künstler:innen zu beten einen Entwurf zu gestalten, der sich mit der Frage beschäftigt: Wie sieht Deine Welt im Jahr 2100 aus? Wie und was wird sich verändern? Dabei geht es nicht primär um Natur und Pandemie. Die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Natur einerseits und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft andererseits sind augenscheinlich und Ausgangspunkt für das diesjährige Projekt. 



ZU DEN KÜNSTLER:INNEN

SWAANTJE GÜNTZEL
Flagge: Solastalgia, 2021, Druck auf Flaggenstoff, 150 x 100 cm

Der Begriff „Solastalgia“ (dt. Solastalgie) wurde 2005 durch den australischen Philosophen Glenn Albrecht geprägt und setzt sich aus dem lateinischen Begriff sōlācium (Trost) und der griechischen Wuzel -algia (Schmerz) zusammen. Die Solastagie beschreibt einen Zustand psychischen Stresses, ähnlich einer Depression, der durch gravierende Veränderungen der Umwelt, hier vor allem menschengemachte Umweltzerstörung, ausgelöst wird. Wie z.B. die Klimakrise, Artensterben, aber auch das massive Eingreifen in Landschaft im Kontext von Erz- oder Braun-kohleabbau, das oft noch mit der Zwangsumsiedlung ganzer Dörfer einhergeht. Die Solastalgie beschreibt den Schmerz um den Verlust einer Landschaft, die die eigene Identität maßgeblich mitgeprägt hat und der unwiderruflich scheint.

Die Arbeit von Swaantje Güntzel (*1972 Soest, Deutschland) sich auf die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. In verschiedenen Disziplinen wie Performance, Skulptur, Installation, Fotografie, Sound und Video verarbeitet sie ihre Kritik an dem modernen Leben im 21. Jahrhundert. Ihre Arbeit ist inspiriert von wissenschaftlicher Recherche. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Hamburg.

www.swaantje-guentzel.de


LAUREN KEELEY
Flagge: Constantly Unfolding Futures, 2021, Druck auf Flaggenstoff, 80 x 175 cm

In Bezug auf den Klimawandel wird unsere ökologische Zukunft durch Schwellenwerte, Kipppunkte und Rückkopplungsschleifen  umrahmt. Doch während diese Werte unserem Verständnis für die drohende Katastrophe dienen, fördern sie auch eine Form fatalistischen Denkens, das unsere Handlungsfähigkeit einschränkt und somit auch unseren Sinn für das Machbare. Constantly Unfolding Futures soll als Anregung dienen. Die Zukunft hat zwar noch nicht begonnen, aber die politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Prozesse, die in der Zukunft liegende Zustände bestimmen werden, sind bereits im Gange. Manche nennen dies eine „spiralförmige Zeit“. Die Zukunft ist in einem kontinuierlichen Dialog mit Vergangenheit und Gegenwart, sie vermittelt zwischen uns, unseren Vorfahren und dem Leben zukünftiger Generationen. Dieser Gedanke sieht die Zukunft als fortlaufenden Prozess und nicht als festes Ziel. Er regt dazu an, uns selbst als Akteure zu sehen – und wirft die Frage auf, wie wir in der Gegenwart zu ökologisch proaktiven und aufmerksamen Bürgern werden können.

Lauren Keeley (*1986 Milton Keynes, UK) ist Künstlerin und Klimaforscherin. Sie erforscht und untersucht die Überschneidungen zwischen Kultur und Klima. Dabei geht sie der Frage nach, wie Umweltrepräsentationen, Geschichte, Wissen, Materialität und Technologien zusammenwirken, die unser Verständnis der Welt und infolgedessen unser Denken und Handeln beeinflussen. Lauren Keeley lebt und arbeitet in London.

www.laurenkeeley.com


SARAH KÜRTEN
Flagge: there is no indifference – only reason, 2021, Druck auf Flaggenstoff, 150 x 100 cm 

Sarah Kürtens Flagge thematisiert die unausweichliche Realität des Klimawandels. Egal welche Perspektive wir einnehmen: die Folgen menschlichen Handelns für das Ökosystem des Planeten sind nicht von der Hand zu weisen. Sich diesen Folgen gegenüber indifferent zu verhalten, wird diese nicht verhindern. Im Gegenteil – je länger wir unsere eigene Verantwortung negieren, desto verheerender werden die Resultate sein.

Sarah Kürten (*1983 Köln, Deutschland) ist bekannt für ihre ortsspezifischen Textarbeiten in der sie die verschiedener Formen zur (Re-)Präsentation von Sprache untersucht. In ihren konzeptuellen Arbeiten greift Kürten situative, historische oder architektonische Themen ihres jeweiligen Ausstellungskontexts auf und macht sie mittels des Mediums Sprache adressierbar. Sarah Kürten lebt und arbeitet in Düsseldorf.


MICHAEL MÜLLER
Flagge: VIRUS HEALS VIRUS KILLS, 2021, Druck auf Flaggenstoff, 155 x 105 cm 

Michael Müllers (*1970 Ingelheim am Rhein, Deutschland) Werk entwickelt sich entlang bestehender historischer Narrative, Methoden und gesellschaftlicher Normen: durch fiktionalisierende Modifikationen lotet er die Grenzen dieser Systeme aus. Seine Praxis setzt sich mit der Bildwerdung komplexer Gedankenprozesse auseinander – Transformationen, die durch unterschiedlichste Methoden eine langsame, aber stetige Aneignung bedeuten.  Wenngleich Michael Müller hauptsächlich für seine Zeichnungen und Gemälde bekannt ist, synthetisiert sein intermedialer Ansatz Skulptur, Installation und Performance Kunst mit kuratorischer Praxis zusammen. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin. 

www.studiomichaelmueller.com


ELIA NURVISTA
Flagge: o.T., 2021, Druck auf Flaggenstoff, 155 x 105 cm 

Rodins Der Denker ist eine Parodie auf die Nahrungsmittelproduktion in Bezug auf die Klimagerechtigkeit. Er repräsentiert die intellektuelle und privilegierte Klasse innerhalb ihres rationalen Verstandes und steht für Modernisierung und Entwicklung, einschließlich einer Zero-Hunger-World. Der Denker ist auch Metapher für Politiker, neoliberale Regierungen sowie Menschen bzw. Konzerne, die von der Ausbeutung der Natur profitieren. In Bezug auf Klimakrise, ökologische Gerechtigkeit und Lebensmittelproduktion möchte Nurvista deutlich machen, dass soziale und ökologische Fragen stets miteinander verbunden sind.  Unsere gegenwärtige soziale und ökologische Krise ist in der Geschichte des Kolonialismus und Imperialismus verwurzelt. Dies wird besonders deutlich, wenn neoliberale Staaten und internationale Konzerne bei der Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen zusammenarbeiten und zahlreiche Ökosysteme im globalen Süden zu Ausbeutungszonen machen, die im Namen von Wohlstand und Entwicklung geopfert werden.

Elia Nurvista (*1983 in Yogyakarta, Indonesien) arbeitet an der Schnittstelle von bildender Kunst und recherchebasierten Gemeinschaftsprojekten. Ihre laufende Forschung befasst sich mit der Nahrungsmittelproduktion in Bezug auf Klimagerechtigkeit, wie Monokulturen oder Palmölplantagen, die meist in Ländern des Globalen Südens, z.B. Indonesien vorkommen. Elia Nurvista lebt und arbeitet in Yogyakarta.

www.elianurvista.com


MANUEL STEHLI
Flagge: pair of feet, 2021, Druck auf Flaggenstoff, 112×135 cm

Inmitten einer globalen Pandemie und politischer wie ökologischer Krisen versieht Manuel Stehli seine Flagge mit dem Sinnbild größtmöglicher Gewissheit: einem Paar auf dem Boden stehender Füße. Dass die Menschheit auch in hundert Jahren noch mit den Füßen auf dem Boden stehen wird, versteht sich von selbst – dafür wird die Gravitation sorgen. Fest steht aber auch, dass uns bis dahin noch viele Male sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen werden wird. Das Sprichwort macht deutlich: Die Gewissheit steht auch für die Fragilität der menschlichen Existenz. Wir sind auf den Boden unter unseren Füßen angewiesen, und eben nicht nur auf sein bloßes Vorhandensein, sondern auf seine Beschaffenheit, den Ort und die Geschichten, die dieser erzählt. Stehlis Füße sind in ihrer Reduktion auf den physischen Akt des Stehens so melancholisch wie herausfordernd: Für welche Gewissheiten und auf welchem Boden wird es sich in Zukunft zu stehen lohnen?

Manuel Stehlis (*1988 Zürich, Schweiz) Arbeiten bewegen sich zwischen abstrakten und figurativen Ausdrucksformen. Er ist ein Minimalist in der Darstellung von Figuren, Architektur- und Landschaftsbildern, dessen Grundstimmung in allen Szenen die Stille ist. Die wenigen Figuren die sich begegnen kommunizieren nicht mit dem Betrachter. Es bleibt ein Mysterium, was und ob gerade was passiert. Manuel Stehli lebt und arbeitet in Berlin. 

www.manuelstehli.com


ENGLISH VERSION

This summer season we are dealing with supposedly gloomy future scenarios, also known as dystopias. After an earth-shattering event, such as war, epidemic or natural disaster, humanity has to deal with the „afterlife“. Literary works such as Aldous Huxley’s „Brave New World“ (1932) or George Orwell’s „1984“ (1948) are well-known examples of this.

Dystopian ideas increasingly emerge in times of upheaval. This could be observed in particular in the last two decades, in which globalization, digitalization and climate change have created a sense of insecurity among people. The worldwide developments of the last two years have intensified this feeling and the question „what will our planet and our society look like in xx years?“ has become more preoccupying than ever. 

2019 was the year of the Fridays for Future activists. It was the global climate strike, which spread worldwide via social media, that first woke up our society. Never before has there been public debate on this scale about what our planet will look like if we don’t take action now. Even the island paradise of Amrum will not be spared from climate change. Progressive global warming is calling into question the preservation of the Wadden Sea natural heritage on the German North Sea coast. The Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) fears a global rise in sea level of half a meter by 2100 if we succeed in limiting warming to two degrees. Currently, however, the world is on track for three to four degrees of warming, which would mean a sea level rise of just under one meter.  Either way – by the year 2100, the current location of the Kunstverein Amrum will no longer exist. Even a rise of 50 cm would cause most of the Kunstverein’s beach to sink into the sea.

The years 2020/2021 are dominated worldwide by the COVID-19 pandemic. The world has come to a standstill and its extent – economically, socially, politically – is still unimaginable. The island of Amrum, which mainly profits from tourism, suffered considerable losses in tourism last year, which has caused economic problems for many islanders. However, the absence of the crowds has also meant that the island’s flora and fauna have been able to recover, and the islanders have experienced an island that they had not seen in such beauty in the last 35 years. This shows – future visions do not always have to be negative connotations. 

This year these these two aspects have been taken as an opportunity to ask artists to create a sketch that deals with the question: What does your world look like in 2100? How and what will change? The focus is not primarily on nature and pandemics. The connections between environment and nature on the one hand and society, politics and economy on the other hand are obvious and the starting point for this year’s project. 


Die Ausstellung wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein






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