New Adventures in Vexillology #3 | Jeanno Gaussi, Andrew Gilbert, Manaf Halbouni, Jeewi Lee, Jonathan Meese, Lukas Troberg | 01.07. – 31.10.2017 | Kunstverein Amrum, Badestrand Nebel

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Jeanno Gaussi, Untitled (2017), CMYK print on flag fabric, 100 x 300 cm, rolled, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Jeanno Gaussi, Untitled (2017), CMYK print on flag fabric, 100 x 300 cm, rolled, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Jeanno Gaussi, Untitled (2017), CMYK print on flag fabric, 100 x 300 cm, rolled, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Jeanno Gaussi, Untitled (2017), CMYK print on flag fabric, 100 x 300 cm, rolled, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Manaf Halbouni, Now-Here is Home (2017)
CMYK print on flag fabric, 95 x 158 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Manaf Halbouni, Now-Here is Home (2017) CMYK print on flag fabric, 95 x 158 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Manaf Halbouni, Now-Here is Home (2017)
CMYK print on flag fabric, 95 x 158 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Manaf Halbouni, Now-Here is Home (2017) CMYK print on flag fabric, 95 x 158 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Andrew Golbert, From the Cape to Cairo - Civilization (2017), CMYK print on flag fabric, 104 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Andrew Golbert, From the Cape to Cairo - Civilization (2017), CMYK print on flag fabric, 104 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Andrew Golbert, From the Cape to Cairo - Civilization (2017), CMYK print on flag fabric, 104 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Andrew Golbert, From the Cape to Cairo - Civilization (2017), CMYK print on flag fabric, 104 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Installation view, New Adventures in Vexillology #3, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Installation view, New Adventures in Vexillology #3, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Jeewi Lee, Intersection (2017), CMYK print on flag fabric, 105 x 143 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Jeewi Lee, Intersection (2017), CMYK print on flag fabric, 105 x 143 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Jeewi Lee, Intersection (2017), CMYK print on flag fabric, 105 x 143 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Jeewi Lee, Intersection (2017), CMYK print on flag fabric, 105 x 143 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Jonathan Meese, Diktatur der Kunst (2017), CMYK print on flag fabric, 106 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Jonathan Meese, Diktatur der Kunst (2017), CMYK print on flag fabric, 106 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Jonathan Meese, Diktatur der Kunst (2017), CMYK print on flag fabric, 106 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Jonathan Meese, Diktatur der Kunst (2017), CMYK print on flag fabric, 106 x 150 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Lukas Troberg, an den Moment (2017), CMYK print on flag fabric, 50 x 358 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Lukas Troberg, an den Moment (2017), CMYK print on flag fabric, 50 x 358 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

  • <p style="text-align: center;"><span style="font-size: 8pt;">Lukas Troberg, an den Moment (2017), CMYK print on flag fabric, 50 x 358 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen</span></p>

    Lukas Troberg, an den Moment (2017), CMYK print on flag fabric, 50 x 358 cm, Kunstverein Amrum, 2017. Photo: Sandra Hermannsen

Auf viele Menschen üben Flaggen eine Faszination aus. Mit dem Wahrnehmen einer Flagge, stellt sich automatisch die Frage nach ihrer Bedeutung bzw. dem Inhalt des Dargestellten. Sie fordert auf, über ihre Herkunft, im geographischen wie im politischen Kontext, zu spekulieren. Es gibt immer eine Metaebene, die es mittels den dargestellten Attributen und Symbolen zu dechiffrieren gilt.

Die Vexillologie (Flaggenkunde) untersucht Fahnen oder Flaggen, die zur öffentlichen Manifestation bestimmt sind. Die textilen Symbolträger, deren Farben und Muster nichtverbale, Sprachgrenzen übergreifende Aussagen, auch Emotionen, einer potentiell weltweiten Rezipientenschaft übermitteln, sind vor allem im Geschichts- und Politikwissenschaftlichen Kontext zu finden. Eine Flagge dient zur visuellen Übertragung von Informationen, ursprünglich über eine größere Distanz. Sie dient auch als Markierung einer Zugehörigkeit beziehungsweise der Vertretung von Gemeinschaften und Körperschaften und ist Symbol von Nationalität im öffentlichen Raum, markiert aber auch Grenzsituation. Sie ist folglich stets mit einer Zugehörigkeit verbunden und kann geographische, historische, kulturelle, religiöse, ethnische oder ideologische Aussagen darstellen. Flaggen können aber auch als Signalwesen dienen, da sie auf große Entfernung sichtbar sind. Eine Flagge ist demzufolge nie einfach nur ein buntes Stück Tuch im Wind!

Abstrakt in ihrer Erscheinung, hat die Flagge doch das Versprechen, einen tieferen Sinn zu beherbergen. Eine Flagge diente schon immer als Kommunikationsmittel zwischen den Menschen und in dieser Eigenschaft liegt eine Analogie zur bildenden Kunst. Vergleichbar mit der Betrachtung eines Kunstwerks, muss bei dem Betrachten einer Flagge über das rein visuell Wahrnehmbare hinaus gedacht werden. Diese gemeinsame Schnittstelle macht es für den Kunstverein Amrum interessant, Künstler einzuladen, sich mit dem Objekt Flagge zu beschäftigen.

Die Insel Amrum zieht im Sommer viele Menschen an. Der Strand wird zur wichtigsten Austausch- und Begegnungsstätte aller Insulaner und Sommergäste. Daher findet die saisonale Ausstellung nicht im üblichen Rahmen einer institutionellen Präsentation statt, sondern zeichnet sich der Kunstverein Amrum dadurch aus, die Ausstellung dort zu präsentieren, wo sich die Gäste und Einheimischen am ehesten aufhalten und die gezeigten Werke 24h sichtbar sind: Am Strand.

Die letzten beiden Jahre stand der Fokus der Ausstellung eher im reinen Format der Flagge und weniger in ihrer Symbolkraft. Dies Jahr hat die Kuratorin Valeska Hageney Künstler eingeladen, die in ihrer künstlerischen Praxis sowohl politischen, zivilgesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen nachgehen und ggf. schon einmal mit dem Format der Flagge experimentiert haben. Bei den Flaggen der teilnehmenden Künstlern wird die Auseinandersetzung mit Identität, Nationalität und Heimatverbundenheit verarbeitet. Dabei gehen die Künstler nicht zwingendermaßen von ihrer Herkunft aus. Sie sind eher kritische Beobachter aktueller politischer Geschehnisse und globaler Veränderungen – ihre Flaggen sollten uns Betrachter als Signalwesen dienen und Gedankenanstoß sein auch wenn wir unseren Sommer auf einer idyllischen kleinen Insel verbringen, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint.

 


JEANNO GAUSSI

Jeanno Gaussis Arbeiten beschäftigten sich mit der Frage der kulturellen Identität und der Speicherung von Erinnerungsfragmenten. Gaussis multikultureller Hintergrund – geboren 1973 in Kabul, dort und in Neu Delhi und Berlin aufgewachsen – hat einen großen Einfluss auf ihre künstlerische Arbeit.

Die Flagge von Jeanno Gaussi ist als solches im ersten Augenblick nicht zu erkennen, denn sie ist eingerollt und wird vor Gurten, die im Wind wehen, zusammengehalten. Die Symbolkraft dieses Aktes ist sehr stark, signalisiert sie doch eine temporäre Nichtexistenz. Da der Flagge nun der kommunikative Bildträger fehlt, ist die Zugehörigkeit nicht mehr zu erkennen. Die zusammengerollte Flagge deutet auch auf eine Reise oder das Verlassen der Zugehörigkeit hin. Die Assoziation zu Flüchtlingen liegt nahe. Sie verlassen ihre Heimat, nicht wissend ob sie jemals in ihr Land zurückkehren werden oder was aus ihrer Heimat werden wird. Die meisten von ihnen werden wohl Heimatlos werden und keine Zugehörigkeit mehr haben.

Die himmelsblaue Farbe der Flagge deutet auf ein Verschwinden in der Masse hin. Was im ersten Anschein als beängstigend erscheinen mag, kann auch als eine positive Erscheinung interpretiert werden. Immer mehr Menschen werden mit mehreren Nationalitäten geboren und durch die zunehmende Globalisierung verlassen wir häufiger freiwillig unsere Heimat um woanders Wurzeln zu schlagen. Die Nationale Identität schwindet somit und wir werden zunehmend, wie die blaue Flagge im blauen Himmel, Weltbürger.

www.jeanno.de
www.galeriekoal.com


ANDREW GILBERT

Ausgehend von der britischen Militär- bzw. Kolonialgeschichte beschäftigt sich Andrew Gilbert (*1980, Schottland) kritisch mit dem Selbstbild des britischen Empire, den Exzessen des Kolonialismus und der Absurdität von Krieg und Gewalt. Seine Arbeiten sind surreale Mischung aus historischen Ereignissen, wie dem Anglo-Zulu-Krieg (1879) oder der Schlacht von Culloden (1746) und bunten Phantasiebildern. Alle Werke thematisieren die britischen Kolonialkriege des späten 19. Jahrhunderts im südlichen Teil Afrikas. Gilberts Zeichnungen wirken auf den ersten Blick spielerisch bunt, doch kommt bei näherer Betrachtung die brutale Wirklichkeit von Rassismus, verstörenden Gewaltphantasien und der Tyrannei der Besetzung zum Vorschein.

Der Titel der Flagge, From the Cape to Cairo – Civilization, ist eine Anspielung auf den Kap-Kairo-Plan – ein unvollendetes Projekt des Britischen Empires mit dem Ziel, Afrika von Süden nach Norden mit einer Eisenbahnverbindung zu durchziehen. Während die britischen Soldaten eine weiße Flagge mit dem Schriftzug Civilization schwingen, marschieren die afrikanischen Kämpfer mit einer schwarzen Flagge voran, die darauf stehende Botschaft lautet Barbarism. Wer letztlich der abschlachtende Barbar ist, wird durch den britischen Anführer, in Gestalt eines Penis versinnbildlicht – der weisse männliche Herrschaftsanspruch.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Nationalgefühl kann, wie im Britischen Kolonialismus, über die heimatlichen Grenzen hinaus gehen. Um wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu erlangen wurden heimatferne Territorien in Besitz genommen, dessen Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ansässigen Bevölkerung zur Folge hatte. Auf genau dieser Grundlage basiert die Kunst von Andrew Gilbert. Sie dient dem Betrachter als Signalwesen, indem sie geschichtliche Ereignisse in einem neuen Kontext zeigt und die damalige Haltung hinterfragen lässt.

www.sperling-munich.com


MANAF HALBOUNI

Das Thema Krieg, Flucht und Verlust der Heimat beschäftigt den deutsch-syrischen Künstler Manaf Halbouni (*1984 Syrien), der 2008 als Nicht-Flüchtling von Syrien nach Deutschland kam. Er weiß, was es bedeutet sein Zuhause aufzugeben. Viel schmerzhafter jedoch, weiß er, was es bedeutet, nicht in die Heimat zurückkehren zu können. Die Suche nach der Bedeutung „was ist Heimat“ stellt Halbouni sich nicht nur persönlich, sondern auch in seinen Kunstwerken.

Die Flagge Now – Here is Home bezieht sich auf eine Installation von 2015. Unter dem Titel Nowhere is Home (Nirgendwo ist zu Hause) zeigte Halbouni in Leipzig zwei mit Hausrat bepackte Autos vom Typ VW Polo. Sie wurden zuvor im Begleitprogramm der Biennale in Venedig 2015 und im Victoria and Albert Museum London präsentiert. Halbouni entwickelte die Idee der künstlerischen Adaption von Fluchtautos in Reaktion auf die Pegida-Demonstrationen Anfang des Jahres 2015.

Der Kleinwagen ist vollgepackt mit Habseligkeiten, wie sie vielleicht ein Deutscher auf einer Flucht mitnehmen würde. Auf dem Gepäckträger finden sich ein Fahrrad, ein Kasten Bier, ein Reisekoffer, zusammengerollte Teppiche und anderer Hausrat, alles sicher mit Spanngurten verschnürt. Das mit persönlichem Besitz beladene Auto wird in einen Wohnraum verwandelt, der aber niemals in der Lage sein wird die Heimat zu ersetzen geschweige denn irgendwo Wurzeln zu schlagen. Halbounis Arbeit steht für den Verlust aber auch für die Hoffnung der weltweit über 50 Millionen Vertriebenen, die oftmals gezwungen sind, schnellstmöglich ein paar Habseligkeiten auf das eigene Auto zu packen, bevor sie Krieg, Naturkatastrophen oder politischen Konflikten entkommen müssen.

www.manaf-halbouni.com
www.katharinamariaraab.com


JEEWI LEE

Jeewi Lee (*1987 Südkorea) arbeitet mit Alltagsspuren, die nicht wahrgenommen werden oder für das Auge unsichtbar sind und erst durch eine künstlerische Einwirkung in Erscheinung treten und zum Motiv werden. Die Künstlerin nutzt diese Spuren als malerische Elemente und konserviert sie. Deren Sichtbarkeit – beziehungsweise Unsichtbarkeit – tritt in den Vordergrund und stellt die visuelle Wahrnehmung in Frage. Die Spuren zeigen sich in abstrakter minimalistischer Form, besitzen aber starke erzählerische Momente, die künstlerische Interaktionen festhalten, aber auch Zeit und somit Vergangenheit und Geschichte. Jeewi Lee macht sichtbar, was unbeachtet bleibt und nicht zu existieren scheint.

In ihren Werken finden sich häufig Verbindungen zu ihrer Heimat wieder, indem Jeewi Lee Materialien oder Gegenstände aus Korea für die Produktion ihrer Arbeiten verwendet, wie auch für die Flagge, die sie für die Ausstellung entworfen hat. Das Motiv ist eine Foto-Collage aus zwei Bildern: Das eine Bild ist eine Aufzeichnung von einem älteren „Experiment“ der Künstlerin. Es bestand darin, dass Jeewi Lee koreanischen Sand nach Deutschland brachte und diesen auf deutschen Strandsand legte. Eine Art Transplantation, bei der beide „Erden“ oder auch neue und alte Heimat der Künstlerin in Berührung kommen sollten. Die Aufzeichnung dieser Transplantation wurde für das Flaggenprojekt wiederum auf ein Strandbild montiert, das im Juni 2017 in Korea entstand. Auf dem Sand zu sehen sind die Alltagsspuren, die Mensch und Automobil hinterlassen haben. Es sind dieselben Strand(auf)zeichnungen, welche die Amrumer Strandbesucher währen der Ausstellungsdauer im Sand hinterlassen werden.

www.jeewi.de
www.sexauer.eu


JONATHAN MEESE

Er gilt als das Enfant terrible der Kunstszene und ist einer der bedeutendsten und meist diskutierten deutschen Künstler seiner Generation. Jonathan Meese (*1970, Japan) spricht aus, was er denkt, ist auf seine Art radikal und kann der akademisch intellektuellen und kulturellen Wichtigtuerei nichts abgewinnen. Mit seiner „Diktatur der Kunst“ ruft er dazu auf, dass die Kunst an die Macht muss, denn in der Kunst, so Meese, darf man alles machen, solange es nicht der Realität und dem Ritual folgt: „Das Tolle an der Kunst ist, sie ist ein Sandkasten, in dem jeder willkommen ist. Da gibt es so etwas wie Hautfarben nicht, da gibt es keine Wichtigkeiten, keine Religionen. Das Ich wird total relativiert.“ (aus: Im Spielzimmer. In: Die Zeit, Nr. 4/2008.).

Mit seinem Schaffen möchte Messe gerne die Welt missionieren. Seine bevorzugtes Motiv ist das Böse unserer Zeitgeschichte. Es zu besiegen gelingt nur, wenn seine Kunst radikaler ist als das Böse selbst. Dabei spielt er immer wieder auf provokante Weise mit den Themen Nationalität, der deutschen Mythologie und dem „deutschen Wahn“.

Daher erklärt es sich nur von selbst, dass Meese auf seiner Flagge lediglich DIKTATUR DER KUNST zu stehen hat. Wie ein Fels in der Brandung, wird sie allen rauen Wetterbedingungen trotzen und ihr Mast aufrecht stehen bleiben. Die Flagge gilt als performatives Sprachrohr Meeses. Den ganzen Sommer lang wird sie erhobenen Hauptes dastehen und uns pausenlos DIKTATUR DER KUNST zurufen.

www.jonathanmeese.com


LUKAS TROBERG

Einen bedeutenden Teil der künstlerischen Überlegungen von Lukas Troberg (*1984, Deutschland) liegt in der Übersetzung vom zweidimensionalen Graffiti zur dreidimensionalen Skulptur. Die im öffentlichen Raum vorgefunden Spuren werden von Troberg abstrahiert und in ein skulpturales Objekt transformiert. Seine Arbeiten beinhalten Texte, Buchstaben, Linien und Formen, die das bestehende System hinterfragen. So wie bei Street-Art und Graffiti sind auch Flaggen öffentliche Statements und Markierungen im Raum und dienen als Kommunikationsträger zwischen Öffentlichkeiten.

Für die Flagge, die Troberg für die Ausstellung konzipiert hat, bedient er sich einer Strophe eines friesischen Heimatliedes in Öömrang, welches auf Amrum (Nebel) in Stein gemeißelt ist. leewen mei din aard bestun! bedeutet zu Deutsch „immer soll deine Erde bestehen!“. Das hier verwendetet Öömrang ist ein Dialekt der nordfriesischen Sprache, der auf der Insel Amrum zwar noch gesprochen wird, jedoch immer mehr an Bedeutung verliert. Heutzutage wird Öömrang von etwa 600 Personen noch gesprochen, wobei die Anzahl eher sinkt, als dass sie steigt. Für immer mehr Insulaner ist die erste Sprache Hochdeutsch, das kulturelle Spracherbe wird oftmals nicht mehr weitergegeben. Mit dem Satz „immer soll deine Erde bestehen!“ spielt Troberg genau auf diesen (Sprach-)Verfall an. Das längliche Format der Flagge verstärkt diesen Verfall, da sie dadurch, bedingt durch den heftig wehenden Wind, am ehesten sich auflösen wird. Ebenso wie die Flagge, so wird auch das Öömrang und die sprachliche Heimatverbundenheit der Amrumer immer mehr schwinden. Das Letzte, was zu sehen sein wird, ist der # (hashtag), das Symbol der neuen Sprache und digitalen Kommunikation.

www.lukastroberg.com

 

ENGLISH VERSION

Most people have a fascination for flags. Within the perception of a flag there is always the question of the meaning or context of what is displayed. They encourage to speculated about their origins, in a geographic as well in a political context. There is always a meta level, waiting to get deciphered.

The vexillologie (science of flags) exames flags, that are meant for a public manifestation. The textile symbol carriers, whose colors and patterns convey non-verbal, speech-limiting statements, also emotions, of a potentially global audience, are to be found above all in the historical and political science context. A flag serves for the visual transmission of information, originally over a larger distance. It also serves as a mark of affiliation or representation of communities and bodies and is a symbol of nationality in public space, but also marks the border situation. It is, therefore, always associated with an affiliation and can be seen as geographical, historical, cultural, religious, ethnic or ideological statements. Flags can also serve as signaling, as they are visible at a great distance. A flag is therefore never just a colorful piece of cloth in the wind!

Abstract in its appearance, the flag has the promise to accommodate a deeper meaning. A flag has always served as a means of communication between people and in this capacity we have an analogy to the visual arts. Comparable to the perception of a work of art, when looking at a flag, you have to think beyond the purely visually perceptible. This common feature makes it interesting for the Kunstverein Amrum to invite artists to deal with the subject flag.

The island of Amrum attracts many tourists in summer. The beach becomes the most important exchange and meeting place for all islanders and summer guests. Therefore the seasonal exhibitions does not take place in the usual framework of an institutional presentation, the Kunstverein Amrum distinguishes itself by presenting the exhibitions where the guests and locals are most likely to be found: on the beach.

For the last two years, the focus of the exhibition has been the pure format of the flag rather than its symbolic character. This year, curator Valeska Hageney has invited artists who, in their artistic practice, pursue political, civil society and cultural questions and have already experimented with the format of the flag. The flags of the participating artists are used to deal with identity, nationality and home ties. The artists do not necessarily depend on their origin. They are rather critical observers of current political events and global changes – their flags should serve us viewers as signaling and thought-provoking even if we spend our summer on an idyllic small island, where the world still seems to be in order.


JEANNO GAUSSI

Jeanno Gaussi’s works deal with the question of cultural identity and the storage of memory-scarps. Gaussi’s multicultural background – born 1973 in Kabul, grew up there and in New Delhi and Berlin – has a great influence on her artistic work.

The flag of Jeanno Gaussi can’t be recognized as such at the first moment. It is rolled up and held together by belts that blow in the wind. The symbolic force of this act is very strong, it signals a temporary non-existence. Since the communicative image carrier of the flag is missing, the affiliation is no longer recognizable. The curled flag indicates a departure. The association with refugees is obvious, as they have to leave their homeland, not knowing whether they will ever return. Many of them will probably become geographically rootless and will no longer have any affiliation.

The sky blue color of the flag indicates a disappearance in the mass. What may seem frightening at it’s first appearances can also be interpreted as a positive phenomenon. More and more people are born with several nationalities and due to the increasing globalization we are leaving our home country more often and freely. The national identity thus fades and we become like the blue flag in the blue sky, increasingly world citizens.

www.jeanno.de
www.galeriekoal.com


ANDREW GILBERT

Rooted in British military and colonial history, Andrew Gilbert (* 1980, Scotland) critically deals with the British Empire’s self-image, the excess of colonialism and the absurdity of war and violence, in general. His works are a surreal mixture of colorful fantasies and historical events such as the Anglo-Zulu War (1879) or the Battle of Culloden (1746). All works address the British colonial wars of the late 19th century in the southern part of Africa. At first sight, Gilbert’s drawings are playfully colorful, but on closer inspection the brutal reality of racism, disturbing fantasies of violence and the tyranny of the occupation appear.

The title of the flag, From the Cape to Cairo – Civilization, is an allusion to the Cape to Cairo Railway- an uncompleted project to cross Africa from south to north by rail. While the British soldiers are swinging a white flag on which is written „Civilization“, the African fighters are marching forward with a black flag – the message of which is „Barbarism“. Who ultimately is the slaughtering barbarian, is symbolized by the British leader, in the form of a penis – the white male dominion.

As in British colonialism, the struggle with one’s own national sentiment can go beyond its own borders. In order to gain economic and political influence, homelandic territories were taken possession of, subjugation, expulsion or assassination of the resident population. This is the basis for the art of Andrew Gilbert. It serves to the viewer as a signal system, by showing historical events in a new context and by questioning the attitude at that time.

www.sperling-munich.com


MANAF HALBOUNI

War, escape and loss are the subjects of German-Syrian artist Manaf Halbouni (* 1984 Syria), who came to Germany in 2008 as a non-refugee. He knows what it means to give up his homeland. Much more painful, however, he knows what it means to be unable to return home. The search for the meaning „what is home“ is the question Halbouni deals in his artworks.

The flag Now – Here is Home refers to an installation shown in Leipzig in 2015. In Nowhere is Home, Halbouni showed two VW Polo cars packed with household items. The cars were previously presented at the Venice Biennale 2015 and also at the Victoria and Albert Museum London. Halbouni developed the idea of the artistic adaptation of cars used for the escape of refugees in response to the Pegida demonstrations in early 2015.

The car on the flag is packed with items, as perhaps a German refugee would take with him. On the luggage rack there is a bike, a case of beer, a travel suitcase, rolled up carpets and other household items. The car, loaded with personal possessions, is transformed into a living space – an impossible home for a “modern nomad unable to belong and grow roots“. Halouni’s work stands as a moving testament to loss, resilience and hope for over 50 million displaced people across the world, who are often forced to hastily pack a few cherished belongings onto a car before escaping war, natural disaster or conflict.

www.manaf-halbouni.com
www.katharinamariaraab.com


JEEWI LEE

Jeewi Lee (* 1987 South Korea) works with traces of everyday life which we do not perceive or which are invisible to the eye. Only through an artistic agency do they become visible and turn into a motif. Jeewi Lee uses these traces as pictorial elements and preserves them. Their visibility – or invisibility – comes to the fore and questions visual perception. The traces appear in an abstract and minimal form, but contain strong narrative impetuses which capture artistic interactions, but also time and therefore past and history. Jeewi Lee visualizes the unnoticed and the seemingly non-existing. This relates to everyday life but also to social processes which in turn are linked to the artist’s biography.

For the production of her works, the artist often uses materials or items from her homeland Korea, as she did for this flag, shown on Amrum beach. The motif is a photo collage of two pictures: one is a record of an older „experiment“ of the artist – where she brought Korean sand to Germany in order to put it on a German beach. It’s a kind of transplant, in which both her „countries“ or even new (Germany) and old homeland (Korea) should come into contact. The record of this transplantation was again mounted on a beach image, which was taken in Korea in June 2017. The image shows the everyday traces of beach visitors and vehicles. They are the same „beach drawings“, which the beach visitors of Amrum will leave in the sand during the exhibition period.

www.jeewi.de
www.sexauer.eu


JONATAHN MEESE

He is regarded as the enfant terrible of the art scene and is one of the most important and most discussed German artists of his generation. Jonathan Meese (* 1970, Japan) expresses what he thinks and is radical in his own way. He does not take pleasure in the academic highbrow and cultural conceit. With his „dictatorship of art“, he calls for art to take power, because in art one can do everything according to Meese, as long as it does not pursue the reality and the ritual: „The great thing about art is, that it is a sandbox, where everyone is welcome, there is no such thing as skin color, there is no relevance, no religion, the ego is totally put into perspective. “ (From: Im Speilzimmer. In: Die Zeit, Nr. 4/2008.).

Meese wants to missionize the world with his works. His favorite motif is the evil of our contemporary history. It’s defeat can only be successful if his art is more radical than the evil itself. In doing so, he is always toying in a provocative manner with themes like nationality, German mythology and the „German Wahn“ (German delusion).

Therefore it is only self-evident that Meese’s flag only summons the words DIKTATUR DER KUNST. Solid like a rock, it will defy all harsh weather and keep its mast upright. The flag will be deemed the performative voice of Meese. Head held high, it will shout at us continuously „DIKTATUR DER KUNST” all summer long.

www.jonathanmeese.com


LUKAS TROBERG

A significant part of the artistic reflections of Lukas Troberg (* 1984, Germany) is the translation from two-dimensional graffiti to three-dimensional sculpture. The traces found in the public space are abstracted by Troberg and transformed into a sculptural object. His work includes texts, letters, lines and forms that question the existing system. Just as in street art and graffiti, flags are also public statements and markings in space and serve as communication media between public spheres.

Just one sentence is written on the flag, which Troberg designed for the exhibition. „#Leewen mei din aard bestun!“ („#always your soil shall consist“) comes from a verse of a Frisian song in Öömrang, the dialect of the North Frisian language spoken on the island of Amrum. Although Öömrang is still spoken on the island, the language is passing away. Only about 600 people still speak Öömrang, the number is rather sinking than rising. For more and more islanders the spoken language is German, the cultural language heritage is often no longer passed on.

With the sentence „always your soil shall consist!“ Troberg plays exactly with this language decline. The strip-shaped format of the flag reinforces this decay. Over the summer months the fiercely blowing wind will tear the flag apart. Just like the flag, the Öömrang and the linguistic bound of the islanders will disappear from day to day. The last thing to be seen is the # (hashtag), the symbol of the new language and digital communication.

www.lukastroberg.com


ABOUT KUNSTVEREIN AMRUM

Since the summer season 2014, the Kunstverein Amrum exists at the Nebeler Badestrand. Founded to bring contemporary art to the island and create a way for the islanders and summer guests to come into contact with the latest international art.

The Kunstverein invites six artists each year to design a flag, which the Kunstverein will print on flag fabric and will be exhibiting at the beach all summer long. Sun and wind will wear off the flag quite well over the time of the presentation – they leave their mark, and the flag is likely to be shredded at the end of the season.

The Kunstverein Amrum tries to present a spectrum of contemporary artists with various exihibition projects, which are reissued every year and extended by new formats.

The public presence on the beach and the natural curiosity of the summer guests promise a direct expansion of society’s engagement with contemporary art outside the usual White Cubes or other cultural institutions, which is a fundamental concern of the Kunstverein Amrum.






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