New Adventures in Vexillology #4 – High by the Beach | David Horvitz, Andy Kassier, Anna Ley, Petra Mattheis, Nora Turato, Alexandra Wolframm | Summer Season 2018 | Kunstverein Amrum | Curated by Valeska Hageney & Imke Kannegießer

Jeden Sommer zieht die Insel Amrum viele Menschen an. Der Strand wird zur Austausch- und Begegnungsstätte aller Insulaner und Sommergäste. Die saisonale Ausstellung High by the Beach, von Juli bis Oktober 2018, findet nicht im üblichen Rahmen einer institutionellen Präsentation statt, vielmehr zeichnet sich die Ausstellung dadurch aus, dass sie 24h und im öffentlichen Raum sichtbar ist: Am Strand.

2018 liegt der Fokus der Kunstwerke auf der Symbolkraft des Strandes selbst und auf das damit verknüpfte raum-zeitliche Urlaubsfeeling. Die Mehrheit der Menschen steckt heutzutage rund um die Uhr in Arbeitsprozessen, ist angespannt, genervt und permanent für alle verfügbar. Urlaub ist die Zeit der gefühlten Erholung: Sommer, Sonne, Strand, kühle Cocktails unter Palmen schlürfen und dem Meeresrauschen zuhören – oftmals das Paradies auf Erden. Dieser Gedanke, der mit ikonischen Bildern aufgeladen ist – der Italienurlaub in den 1990ern, die erste Urlaubsliebe, Spaziergänge bei Sonnenuntergang – zieht die Menschen magisch an den Strand. Heute gilt er als Erholungsort der Leistungsgesellschaft – wenn auch nur für 14 Tage im Jahr, als Urlaub, als ärztlich verordnete Kur, als Sehnsuchtsort der breiten Mittelschicht.

Der Tourismus hat sich in Deutschland zum stärksten Wirtschaftszweig entwickelt und liegt als Wirtschaftsfaktor deutlich vor anderen Branchen, wie etwa der Automobilindustrie, dem Maschinenbau oder dem Finanzwesen. Urlaub und Strand sind engstens miteinander verwoben, nicht verwunderlich, dass diese Urlaubsform die beliebteste ist.

Jährlich geben Menschen Unsummen aus, um am Strand gut auszusehen. Nicht ohne Grund ist die „Bikinifigur“ Sinnbild für den scheinbar perfekten Körper. Frei nach dem Motto: „Sehen und gesehen werden“ gilt der Strand als Ort für Körperkult und Körperzwang der Geschlechter. Kurz vor den Sommermonaten titeln die Frauenzeitschriften „Die Bikini-Diät: In einer Woche zur Traumfigur“ oder „Fit für den Sommer – Schlank, straff und schön in nur vier Wochen“. Spätestens am Strand wird abgerechnet: Wer war fleißig und hat trainiert? Noch schnell waxen statt wachsen lassen, oder ins Solarium, um bereits angebräunt am Strand flanieren zu können. Der Urlaub ist nur dann gelungen, wenn Männer und Frauen sich mit ihrem Körper wohlfühlen. Dieser ist jedoch eher eine sterile Hülle als ein lebendiger Leib. Man soll ihm nicht ansehen, dass er schwitzen, stinken oder gar bluten kann.

Alle sechs beteiligten Künstler*innen haben den Strand mit all seiner Symbolkraft auf unterschiedlichste Weise thematisch aufgegriffen und ganz individuelle Präsentationen geschaffen.


ZU DEN KÜNSTLERN

DAVID HORVITZ
Nautische Themen lassen sich immer wieder in den ganz unterschiedlichen Werken des US-amerikanischen Künstlers David Horvitz verorten: So öffnet und schließt eine Ausstellung schon mal auf die Minute genau gemäß der Gezeiten, oder er fährt in einer Videoarbeit, in Erinnerung an den Künstler Jan Bas Ader, der 1975 beim Versuch, den Atlantik zu überqueren verscholl, auf einem Fahrrad in die tosende Brandung des Ozeans. In einer Fotoserie blickt Horvitz in komponierten Landschaftsporträts aufs Meer, den Rücken zur Kamera gewendet, wie einst Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1818).

Die Flagge zeigt Buchstaben auf blauer Wasserfarbe aus der mehrteiligen Installation „When the Ocean Sounds (Waves Stirring)“. Dahinter steckt ein Vorschlag des Künstlers: Schließen wir einmal kurz unsere Augen und konzentrieren uns auf den Klang des Meeres. Nun erheben wir unsere Stimme, legen sie ineinander – mit oder entgegen einer Synchronisation. Stellen wir uns vor, wir sind das Meer. Ein Ende ist nicht definiert. Unsere Stimme endet, wenn es soweit ist. Ein Geräusch aus Wind und Wellen, das regelmäßig anschwillt und wieder abklingt.

David Horvitz hat hier den Pazifik für die menschliche Stimme transkribiert. Nun, als Flagge am Strand von Amrum aufgestellt, kommuniziert der Pazifik mit der Nordsee mit und durch unsere Stimme.

David Horvitz (*Los Angeles, USA) arbeitet vorwiegend in den Medien Film, Fotografie, der Installation und der Mail Art. Er ist bekannt für seine Arbeiten im virtuellen Raum.

 

ANDY KASSIER
2012 begann der Konzeptkünstler Andy Kassier erstmals das Luxusleben des erfolgreichen self-made businessman „Andy Kassier“ in den sozialen Medien zu zelebrieren. Seitdem begleiten seine Follower ihn auf seinen Weltreisen, sehen ihn in teuren Anzügen vor noch teureren Autos stehen, in Swimmingpools von Luxushotels baden, auf Yachten Champagner genießen, oder aber auf einem weißen Schimmel an einem der schönsten Strände reiten. Sein Leben scheint perfekt zu sein. Doch ist es tatsächlich echt?

Andy Kassier spielt bewusst mit Authentizität vs. Fiktion – Inwiefern unterscheidet sich der reale Kassier von seinem virtuellen Alter Ego? Sein inszeniertes Luxus- bzw. Paradiesleben ist Kritik an der heutigen übermäßigen Konsumgesellschaft und deren Materialismus. Auf Instagram vermarkten wir uns gerne selber, optimieren unser Leben und lassen es durch diverse Filter noch strahlender wirken. Es ist uns wichtig, dass jeder an unserer schönen, neu geschaffenen Welt teilnimmt und sei sie im realen Leben noch so trostlos. Egal, denn Dank der vielseitigen Instagram Tools bekommt unsere graue Welt wieder Farbe. So wie bei den Arbeiten von Kassier können wir letztendlich nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden.    

Andy Kassier (*1989, Berlin) studiert seit 2012 an der Kunsthochschule für Medien Köln. Er lebt und arbeitet in Köln und Berlin.

 

ANNA  LEY
Anna Leys Malereien zeigen oftmals ganz alltägliche Objekte und Szenen, die den meisten Menschen bekannt sind – Dalmatiner, Zapfsäulen, Badelatschen. Fernab jeglicher fotorealistischer Exaktheit abstrahiert und reduziert sie die Bildfiguren und löst sie aus ihren eigentlichen Kontexten heraus. Logos, Embleme und andere ikonografische Zeichen, die fast jeder zu entschlüsseln weiß, stehen für einen erkennbaren Zeitgeist, der sich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Die oftmals einfarbigen, flächigen Bildhintergründe konzentrieren das Gezeigte und lassen es für sich stehen, gleichzeitig aber auch – pars pro toto – als Teil für etwas Ganzes. Die aus einer Malerei entstandenen Flagge „Hawaiihemd“ (2018) bringt uns die Entwicklung und die Symbolkraft des gleichnamigen Kleidungsstücks näher. Im Straßenbild Honolulus tauchten um 1840 diese ersten bunten Hemden auf, als Arbeitshemd der Plantagenarbeiter und hawaiischen Cowboys. Bis in die späten 1920er Jahre war das Tragen dieser bunten weiten Hemden ein Merkmal sozialer Randgruppen, doch die Verbreitung des beliebten Hemdes durch den aufkeimenden Tourismus veränderte auch seinen Status. Seit der Einführung des so genannten Aloha Fridays (1966) zählt das Hemd sogar als gängige Berufsbekleidung im 50. Bundesstaat der USA. Das Hawaiihemd entführt seinen Träger kurzfristig in ein magisches Paradies, wenn auch nur bis zur nächsten Wäsche – dies gilt mittlerweile weltweit.

Anna Ley (*1990, Troisdorf) studiert Malerei und Zeichnung an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, wo sie derzeit auch lebt und arbeitet.

 

PETRA MATTHEIS
Petra Mattheis‘ Flagge irritiert im ersten Augenblick: Eine Meerjungfrau mit gespreizten Flossen und blutender Vulva. Mattheis spielt auf das Normalste der Welt an: Frauen mit weiblichen Kurven; Frauen die menstruieren. Gerade letzteres zählt nach wie vor zu einem der größten körperlichen Tabus.

Genau dieser Thematik und Fragestellung folgt die Künstlerin in ihrer Werkreihe “ Become a Menstruator“ bereits seit 2013. Wir leben in einem Zeitalter der digitalen, gephotoshoppten Welt und deren Übersexualisierung. Es erscheint vollkommen normal, dass – gerade bei Frauen – Falten geglättet werden, Fett abgesaugt wird und Promis kurz nach ihrer Entbindung wieder rank und schlank vor die Presse treten. Auf den Social Media Kanälen und in der Werbung räkeln sich Mädchen in Push-up Bikinis in anzüglichen Posen durch die Dünen – niemand regt sich auf, alles ist durch den Wettbewerb und Körperkult legitimiert. Körpertrends wie Thigh Gaps (die sich nicht berührenden Oberschenkel beim Stehen) oder Collar Bones (ausgeprägte Schlüsselbeine) finden viele Likes. Doch wehe wenn Menstruationsblut zu sehen ist! Dann wird das Bild von Instagram gelöscht. Zu intim und daher inakzeptabel.

Doch nicht dieser übersexualisierte und irreale Körper sollte als gesellschaftlicher Maßstab dienen: Es ist der weibliche Körper in seiner natürlichen und nicht normierten Vielfalt, der vollkommen ist! Jede Frau ist wunderschön – auch das ist ein Zyklus.

Petra Mattheis (*1967, Moers) studierte an der Kunsthochschule Mainz und machte ihren Meisterschülerinnenabschluss an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.

 

NORA TURATO
„I‘m not angry – I‘m just sad“ bedeutet so viel wie: „Ich bin nicht sauer, ich bin nur traurig“. In großen Buchstaben hat Nora Turato dieses Statement auf ihre Fahne gebracht. Doch wer spricht hier und zu wem? Ist es das tosende Meer, das uns, den Strandbesuchern, das stetige Auf und Ab der Wellen erklärt? Oder sind es vielleicht die quengelnden Kinder, deren Gesichter wir uns sehr gut vorstellen können, wenn die Eltern verkünden „Auf geht‘s, Sachen packen, der Tag am Strand ist beendet; es geht zurück in die Ferienwohnung“? Die Frage bleibt unbeantwortet, denn Turato wählt diese Botschaften, die wie abschreckende Warnhinweise auf Zigarettenschachteln gestaltet sind und die auch als Grundlage für ihre Sprech-Performances dienen, aus allem, was sie liest: Aus E-Books, aus Kommentaren in den Sozialen Netzwerken oder aus der Parfum-Werbung. Was wir aus dieser Botschaft machen, bleibt uns überlassen – heute lese ich es so, morgen vielleicht ganz anders. Rot-Gelb sind auch die Farben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die Badegästen, Urlaubern und Wassersportlern wichtige Hinweise über die Bewachung der Strände und Wasser- und Wetterbedingungen geben. Nora Turato eignet sich Textfragmente und eine spezifische Formensprache an, die machtvoll wirkt. Sie collagiert neue Zusammenhänge in der Verbindung aus Text und Ort, so dass die aus ihren Kontexten herausgelösten Botschaften oftmals auf humorvolle Art und Weise zu universellen Weisheiten heranwachsen.

Nora Turato (*1991, Zagreb, Kroatien) ist Absolventin der Gerrit Rietveld Academy und Werkplaats Typografie und zurzeit Stipendiatin an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam.

 

ALEXANDRA WOLFRAMM
Eine Palme verbinden wir oftmals mit Urlaub, Sonne und Strand. Sie ist Sinnbild des wärmenden Südens und der fernen Länder und darf weder im tropischen Freizeitpark noch in der Badelandschaft fehlen, sei es als echte Pflanze oder als aufgeblasene Schwimminsel.

Auch das Palmenmotiv von Alexandra Wolframm vermittelt uns im ersten Moment dieses Gefühl von Urlaub. Das zentrale Thema der optisch sehr unterschiedlichen Arbeiten und Werkreihen der Künstlerin ist die Natur und das Verhältnis des Menschen zu ihr. Auf den ersten Blick erscheinen die Motive romantisch und ästhetisch schön. Doch erst auf den zweiten Blick erfahren wir, dass sich hinter der vermeintlich dargestellten Natur eine weitere Ebene, nämlich die der gesellschaftlichen, öffnet. Der Titel „Migrant“, der bewusst auf der Zeichnung vermerkt ist, macht deutlich, dass die Palme nicht nur Sinnbild für Urlaub sein soll. Palmen sind, wie der Titel schon sagt, „Migranten“. Aus tropischen Ländern bewusst exportiert und begünstigt durch den Klimawandel, gedeiht die Palme nun auch bei uns. Sie haben sich integriert und sind mittlerweile fester Bestandteil unserer Gesellschaft.

Alexandra Wolframm (*1971, Braunschweig) absolvierte 2005-2008 das Kunststudium an der Accademia di Belle Arti in Rom (Italien). Sie lebt und arbeitet in Berlin.



ÜBER DEN KUNSTVEREIN AMRUM
Seit der Sommersaison 2014 existiert am Nebeler Badestrand der Kunstverein Amrum. Gegründet, um zeitgenössische Kunst auf die Insel zu bringen und um eine Möglichkeit zu schaffen, Insulaner und Sommergäste mit der aktuellen internationalen Kunst in Berührung zu bringen.

Der Kunstverein lädt jedes Jahr 6 Künstler*innen ein, die jeweils eine Flagge für den Strand entwerfen, die der Kunstverein auf Flaggenstoff drucken und den ganzen Sommer über am Stand ausstellen wird. Sonne und Wind setzen der Flagge über die Zeit der Präsentation ganz schön zu – sie hinterlassen ihre Spuren und mit aller Wahrscheinlichkeit ist die Flagge am Ende der Saison zerfetzt.

Mit verschiedenen Projekten, die alljährlich wieder aufgelegt und um neue Formate erweitert werden, versucht der Kunstverein Amrum ein breites Spektrum an zeitgenössischen Künstlern vorzustellen.

Die öffentliche Präsenz am Strand und die natürliche Neugierde der Sommergäste versprechen eine direkte Erweiterung der Auseinandersetzung der Gesellschaft mit zeitgenössischer Kunst außerhalb der gängigen White Cubes bzw. anderen Kulturinstitutionen, welches ein grundlegendes Anliegen des Kunstverein Amrum ist.


ENGLISH VERSION

Every summer, the island of Amrum attracts many visitors. The beach becomes an exchange and meeting place for both islanders and summer guests. The seasonal exhibition, running from July to October 2018, does not take place in the usual framework of an institutional presentation; rather, the exhibition is characterized by being visible 24 hours a day in a public space, namely, on the beach.

In 2018, the exhibition focuses on the symbolism of the beach itself and on the associated spatial-temporal holiday feeling. Most of us spend our time living and working against the clock, stressed, annoyed and permanently on-call. A vacation is a time of recovery, to relax, to enjoy the summer, the sun, the beach, sipping cool cocktails under palm trees while listening to the sound of the ocean. A chance to find paradise on earth.

These ideas, symbolically charged with iconic images, magically draw people to the beach with it’s status as both the reward of a meritocracy, (if only for 14 days), but also as a place of convalescence, and longing for the middle classes. The beach is a place to ‘see and be seen’ and therefore often provides the stage for a body cult and competition. Before the start of the beach season it’s time to loose weight, wax, and visit the tanning salon in order to ensure a place amongst the other sand flaneurs. Yet thus, the body becomes a shell, not a living being, filtering out any sign of its ability to sweat, bleed or stink, which contributes to our idealized image of the perfect beach experience.






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